
Wenn über die Digitalisierung von Stadtwerken gesprochen wird, geht es fast immer um Smart Grids, intelligente Zähler und Ladeinfrastruktur. Was niemand erwähnt: In den Backoffices der meisten Stadtwerke läuft die Abrechnung über Prozesse, die seit 15 Jahren nicht angefasst wurden. Kundenstammdaten existieren in drei Systemen parallel. Zählerstandserfassungen werden manuell übertragen. Und der Wechselprozess eines Kunden dauert intern vier Tage, obwohl er technisch in vier Minuten erledigt sein könnte.
Stadtwerke investieren Millionen in die Energiewende. In Solarparks, Wärmenetze und Elektromobilität. Aber die Prozesse, die das operative Geschäft tragen, bleiben analog. Dieser Artikel zeigt, warum die vergessenen Backoffice-Prozesse der eigentliche Hebel für die Zukunftsfähigkeit von Stadtwerken sind und was die Energiewirtschaft von der Industrie lernen kann.
Die Systemlandschaft als Spiegel der Prozessrealität
Ein typisches Stadtwerk mit 50.000 bis 150.000 Kunden betreibt zwischen 8 und 15 verschiedene IT-Systeme. ERP, CRM, Abrechnungssystem, Netzleittechnik, Workforce Management, GIS, Kundenportal, E-Mail-Marketing, Dokumentenmanagement. Jedes System hat seine Berechtigung. Das Problem ist nicht die Anzahl der Systeme. Das Problem ist, dass die Prozesse zwischen den Systemen manuell überbrückt werden.
durchschnittlichem Stadtwerk
Systemen manuell überbrückt
pro Lieferantenwechsel
Quellen: BDEW Digitalisierungsumfrage Energiewirtschaft, d-velop Branchenreport Stadtwerke, PwC Zukunftsfähige Stadtwerke. Die Zahlen beziehen sich auf Stadtwerke mit 50.000–150.000 Versorgungspunkten.
In der Praxis bedeutet das: Eine Sachbearbeiterin exportiert Zählerstandsdaten aus dem Netzleitsystem, kopiert sie in eine Excel-Tabelle, bereinigt Ausreißer manuell und importiert die Daten ins Abrechnungssystem. Dieser Prozess findet monatlich statt. Er dauert zwei Tage. Er ist fehleranfällig. Und er existiert, weil die beiden Systeme keine Schnittstelle haben. Oder genauer: weil niemand den Prozess definiert hat, der die Schnittstelle konfigurieren würde.
Dieses Muster kennen wir aus der Fertigung und der Logistik. Und die Lösung ist dieselbe: Nicht die Systeme sind das Problem. Die Medienbrüche zwischen den Systemen sind das Problem. Und Medienbrüche verschwinden nicht durch neue Software. Sie verschwinden durch Prozessdokumentation und -standardisierung.
Fünf Backoffice-Prozesse, die jedes Stadtwerk bremsen
Die Frontoffice-Digitalisierung in Stadtwerken funktioniert oft erstaunlich gut. Kundenportale, Online-Tarifrechner, digitale Zählerstandserfassung. Aber hinter der digitalen Fassade laufen Prozesse, die in den Neunzigern stecken geblieben sind.
| Prozess | Typischer Ist-Zustand | Digitalisierungspotenzial | Zeiteinsparung |
|---|---|---|---|
| Abrechnung & Fakturierung | Manuelle Datenbereinigung, Excel-Zwischenschritte | End-to-End Automatisierung via API | 70–80 % |
| Lieferantenwechsel (GPKE) | Mehrtägige Bearbeitung, manuelle Prüfschritte | Automatisierte Marktkommunikation | 85–90 % |
| Kundenstammdatenpflege | Daten in 3+ Systemen, keine Single Source of Truth | Master Data Management | 50–60 % |
| Störungsmanagement | Telefonische Meldung, manuelle Disposition | Digitaler Workflow mit automatischer Zuweisung | 40–50 % |
| Einkauf & Beschaffung | Papierbasierte Genehmigungen, E-Mail-Ketten | Digitaler Genehmigungsworkflow | 60–70 % |
Abrechnung und Fakturierung ist der Prozess mit dem größten Hebel. In einem Stadtwerk mit 80.000 Kunden erstellte das Abrechnungsteam die monatliche Abrechnung in einem Prozess, der 14 manuelle Schritte umfasste. Von der Zählerstandsplausibilisierung über die Tarifzuordnung bis zur Rechnungserstellung vergingen fünf Arbeitstage. Nach einer Prozesslandkarte und der Identifizierung von neun Medienbrüchen konnte der Prozess auf zwei Tage reduziert werden. Ohne neues System. Nur durch Prozessbereinigung und Schnittstellenkonfiguration.
Der Lieferantenwechsel nach GPKE ist eigentlich ein standardisierter Marktprozess. In der Theorie. In der Praxis prüfen Sachbearbeitende jeden Wechselantrag manuell, obwohl 95 Prozent der Fälle Standardfälle sind. Die Fehlerquote bei manueller Bearbeitung liegt bei drei bis fünf Prozent. Bei automatisierter Bearbeitung bei unter 0,1 Prozent. Die manuelle Prüfung erzeugt nicht mehr Sicherheit. Sie erzeugt mehr Fehler.
Kundenstammdaten in mehreren Systemen sind ein klassisches Symptom fehlender Prozessklarheit. Wenn ein Kunde umzieht, muss die Adresse in CRM, Abrechnungssystem und Kundenportal geändert werden. Ohne automatische Synchronisation geschieht das manuell. Oder gar nicht. In einem Stadtwerk, das wir analysiert haben, hatten 12 Prozent der Kundendatensätze Abweichungen zwischen den Systemen. Jede Abweichung ist ein potenzieller Abrechnungsfehler.
Warum Stadtwerke anders ticken als andere Branchen
Stadtwerke haben spezifische Rahmenbedingungen, die die Digitalisierung erschweren. Das zu verstehen ist wichtig, weil generische Digitalisierungsratgeber diese Besonderheiten ignorieren.
Regulatorische Komplexität. Energiewirtschaft ist eine der am stärksten regulierten Branchen. GPKE, GeLi Gas, WiM, MaKo, Redispatch 2.0. Jeder regulatorische Prozess bindet IT-Kapazitäten und schränkt die Flexibilität bei Prozessänderungen ein. Stadtwerke können nicht einfach einen Prozess umbauen, wenn er regulatorisch vorgeschrieben ist. Aber sie können die nicht-regulierten Teile des Prozesses optimieren. Und genau dort liegt das Backoffice-Potenzial.
Kommunale Strukturen. Stadtwerke sind in der Regel kommunale Unternehmen. Entscheidungen dauern länger. Budgets sind politisch beeinflusst. IT-Investitionen konkurrieren mit Infrastrukturprojekten. Das bedeutet: Die Digitalisierung muss sich in kleinen, nachweisbaren Schritten rechnen. Ein Business Case, der den Break-even nach drei Jahren verspricht, wird in einer kommunalen Aufsichtsratssitzung nicht bestehen. Einer, der nach sechs Monaten messbare Ergebnisse zeigt, schon.
Fachkräftemangel. Stadtwerke verlieren Wissen schneller als andere Unternehmen, weil die Belegschaft überdurchschnittlich alt ist. Wenn der Sachbearbeiter, der den Abrechnungsprozess seit 20 Jahren betreut, in Rente geht, geht sein Prozesswissen mit. Ohne Dokumentation. Ohne Übergabe. Das macht Prozessdokumentation in Stadtwerken nicht optional, sondern überlebenswichtig.
Was die Energiewirtschaft von der Industrie lernen kann
Die Fertigungsindustrie hat vor 20 Jahren begonnen, ihre Prozesse systematisch zu dokumentieren und zu automatisieren. Lean Management, Six Sigma, Kaizen. Stadtwerke stehen heute dort, wo die Industrie Anfang der 2000er stand: mit funktionierenden, aber undokumentierten und manuellen Prozessen, die bei steigender Komplexität an ihre Grenzen stoßen.
Die Parallele ist frappierend. In der Fertigung automatisierten Unternehmen erst ihre Produktionsprozesse und stellten dann fest, dass die Backoffice-Prozesse den Engpass darstellten. Auftragsabwicklung, Qualitätsdokumentation, Lieferantenmanagement. Genau das passiert jetzt in Stadtwerken: Die technische Infrastruktur wird digitalisiert, aber die administrativen Prozesse bleiben analog.
Praxisbeispiel: Vom Papierarchiv zum digitalen Workflow
Ein Stadtwerk mit 65.000 Versorgungspunkten bearbeitete Kundenanfragen zu Abrechnungen in einem Prozess, der sieben Abteilungen involvierte. Eine Anfrage wanderte physisch als Papierakte zwischen den Abteilungen. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit betrug 14 Arbeitstage. Nach der Prozessanalyse stellte sich heraus: Von den sieben Stationen waren drei reine Weiterleitungen ohne Wertschöpfung. Die Einführung eines digitalen Workflows auf Basis des bereinigten Prozesses reduzierte die Bearbeitungszeit auf drei Tage. Die Kundenzufriedenheit stieg messbar. Die entscheidende Erkenntnis: Nicht die Digitalisierung hatte den Effekt, sondern die Prozessbereinigung davor.
Der ROI von Prozessautomatisierung in Stadtwerken folgt denselben Gesetzmäßigkeiten wie in der Industrie. Wer vor der Digitalisierung seine Prozesse standardisiert, erreicht den Break-even schneller. Wer es nicht tut, zahlt dauerhaft Folgekosten für Parallelsysteme und manuelle Überbrückungen. Die Excel-Falle ist in Stadtwerken besonders ausgeprägt: In kaum einer Branche gibt es so viele geschäftskritische Excel-Dateien wie in der kommunalen Energieversorgung.
Der regulatorische Druck als Chance
Die Energiewirtschaft erlebt gerade eine regulatorische Verdichtung, die den Druck auf Backoffice-Prozesse massiv erhöht. MaKo 2025, Redispatch 2.0, das Gesetz zur Digitalisierung der Energiewende, die Einführung des intelligenten Messsystems. Jede regulatorische Anforderung erzeugt neue Prozesse oder verändert bestehende.
Die meisten Stadtwerke reagieren auf neue Regulierung, indem sie das bestehende Team mit zusätzlichen Aufgaben belasten. Das funktioniert kurzfristig. Langfristig führt es zu Überlastung, steigenden Fehlerquoten und dem Verlust von Überblick. Die Alternative: Regulatorische Änderungen als Anlass nehmen, den gesamten Prozess zu überdenken. Nicht nur den neuen Teil implementieren, sondern den bestehenden Prozess gleich mit standardisieren.
Ein Beispiel: Die MaKo 2025 standardisiert die Marktkommunikation in der Energiewirtschaft. Statt die neuen Anforderungen auf den bestehenden manuellen Prozess aufzusetzen, können Stadtwerke die Umstellung nutzen, um den gesamten Wechselprozess zu automatisieren. Der regulatorische Zwang wird zum Optimierungshebel.
Wo Stadtwerke jetzt anfangen sollten
Die Versuchung ist groß, mit einem großen Plattformprojekt zu starten. Ein neues ERP, ein neues Abrechnungssystem, eine integrierte Cloud-Lösung. Diese Projekte sind teuer, dauern Jahre und scheitern häufig an der Prozessrealität. Technologie ohne Prozessklarheit erzeugt nur effizientere Ineffizienz.
Stattdessen empfehlen wir drei konkrete erste Schritte:
Erstens: Prozessinventur der Top-5-Backoffice-Prozesse. Abrechnung, Lieferantenwechsel, Kundenstammdaten, Störungsmanagement, Einkauf. Für jeden Prozess den tatsächlichen Ist-Ablauf dokumentieren. Nicht den Soll-Ablauf aus dem QM-Handbuch. Den Ablauf, wie er wirklich stattfindet. Mit allen manuellen Schritten, Excel-Zwischenlösungen und informellen Absprachen.
Zweitens: Medienbrüche zählen und priorisieren. Jede Stelle, an der Daten manuell von einem System in ein anderes übertragen werden, ist ein Medienbruch. Jeder Medienbruch ist eine Fehlerquelle und ein Zeitfresser. Priorisieren Sie nach Häufigkeit und Auswirkung: Ein Medienbruch, der täglich auftritt und die Abrechnung betrifft, hat höhere Priorität als einer, der monatlich im Einkauf vorkommt.
Drittens: Quick Wins realisieren. Beginnen Sie nicht mit dem komplexesten Prozess. Beginnen Sie mit dem, der am schnellsten Ergebnisse zeigt. Oft ist das die Automatisierung einer einzelnen Schnittstelle zwischen zwei Systemen. Oder die Eliminierung eines Excel-Zwischenschritts durch eine API-Verbindung. Diese Quick Wins schaffen Vertrauen im Team und liefern den Business Case für größere Investitionen.
Der häufigste Fehler: Plattform vor Prozess
Stadtwerke, die ein neues Abrechnungssystem einführen, ohne vorher ihre Abrechnungsprozesse zu analysieren, replizieren ihre Ineffizienzen in einem moderneren System. Das neue System ist schneller. Aber der Prozess bleibt derselbe. Die Sachbearbeitenden arbeiten mit den gleichen Workarounds, nur in einer anderen Oberfläche. Nach zwei Jahren stellt das Management fest, dass die versprochenen Effizienzgewinne ausgeblieben sind. Der Grund: Es war nie ein Systemproblem. Es war ein Prozessproblem.
Die Digitalisierung von Stadtwerken ist kein IT-Projekt. Sie ist ein Prozess-Projekt mit IT-Komponente. Wer das versteht, spart Millionen an Fehlinvestitionen und gewinnt Jahre an Implementierungszeit. Die Parallelen zum Gesundheitswesen sind offensichtlich: Auch dort scheitert Digitalisierung nicht an fehlender Technologie, sondern an fehlender Prozessklarheit.
Die Frage für Stadtwerke ist nicht, ob sie ihre Backoffice-Prozesse digitalisieren. Die Regulierung erzwingt es. Die Frage ist, ob sie vorher verstehen, was sie digitalisieren. Wer mit den Prozessen anfängt, bekommt funktionierende Systeme. Wer mit den Systemen anfängt, bekommt teure Enttäuschungen. 60 Prozent der Prozesse zwischen Systemen werden manuell überbrückt. Jeder einzelne ist eine Chance, die operative Effizienz messbar zu verbessern. Aber nur, wenn man sie zuerst sichtbar macht.
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